Le Canzoni Dell‘ Onorata Società
La Musica Della Mafia Vol. III (2005)
02. Parlato I [MP3-Ausschnitt]
03. E Fua chiamatu / Ich wurde gerufen [MP3-Ausschnitt]
04. Innocente carcerato / Unschuldig Gefangener
05. Cantu i l’emigranti / Lied des Auswanderers
06. Musulinu galantomu / Musolino Edelmann [MP3-Ausschnitt]
07. Amuri e carceri / Liebe und Gefängnis
08. Pizzicarella malinconica / Pizzicarella melancholisch
09. Era na sira i Maggiu / Es war an einem Abend im Mai [MP3-Ausschnitt]
10. Parlato II
11. Infama Vinditta / Verräterische Rache
12. Penseri / Instrumental
13. Pani e rispettu a li travagghjaturi / Brot und Respekt für die Arbeiter
14. Vendetta d’onuri / Rache aus Ehre
15. Parlato III
16. Incatenatu / Eingekerkert
17. Nta nu giardinu di rosi e sciuri / Inmitten eines Gartens aus Rosen und Blumen
18. Tarantella di li tarantelli / Tarantella des Capos
19. E lu processu / Und der Prozess?
20. Mi votu e mi rivotu / Ich wälze mich hin und her
21. Ammazzaru lu Generali / Getötet ist der General [MP3-Ausschnitt]
22. Tarantella alla pizzicarola / Instrumental
Es ist der Tanz der Picciotti, der immer Ehre macht
Begleittext zur Veröffentlichung der CD 'Le Canzoni Dell‘ Onorata Società'
Nach dem vor fünf Jahren der erste Teil der Trilogie „La Musica della Mafia“ veröffentlicht wurde, konnte keiner der beteiligten Macher mit dem außergewöhnlichen Erfolg dieser Reihe rechnen. Anfangs nur für den deutschen Sprachraum konzipiert, wurde die CD mit den Lieder der kalabrischen Mafia schnell zum Exportschlager. Ein gewaltiges Presseecho hallte praktisch durch die ganze Welt. Die Frage nach der Authentizität der Musik reizte die Journalisten und die Käufer. Mit der nun vorliegenden CD endet die Trilogie „La Musica della Mafia“. Auch diesmal wurden wunderschöne traditionelle und zum Teil schockierend offen vorgetragene Lieder aus dem Kosmos der kalabrischen Mafia, der N’drangheta, zusammengetragen.
Es sind die geheimnisvollen Töne einer Maultrommel im Intro, die uns in die Welt der im „Codice Serpentino“ („Kodex der Schlange“) gesungenen und traditionell gespielten Lieder der Mafia einführen.
Im Titel E Fua Chiamatu („Ich wurde gerufen“) präsentiert sich der neu aufgenommene „Ehrenmann“ vor dem Kreis der „Onorata Societá“ . Stolz erklärt er, den Willen der „Gesellschaft“ bis zum eigenen Tode zu befolgen.
Die Liedtexte Nr. 4, 5 und 7 erwecken Gefühle, die in den vorigen CDs noch nicht berührt wurden. Liebe und Freiheit.
So der Gefangene in L’Innocente Carcerato („Unschuldig Gefangener“), der sich nach einem Leben in Freiheit sehnt. Oder der Ehrenmann in Canzuni ill’Emigranti („Lied des Auswanderers“), der „In die Weite Welt“ emigriert, aber so gern zu seiner „Bella“ zurückkehren würde, um nie wieder fort zu gehen. In Amuri e Carceri („Liebe und Gefängnis“) schreibt ein Eingekerkerter seiner Liebsten einen Brief mit seinem eigenen Blut, da ihm die Tinte fehlt. Doch sie besucht ihn nie…
Neben den zärtlichsten und menschlichsten Liedern sind auch die härtesten und kriminellsten Lieder aus dem Repertoire der Canzoni della ’Ndrangheta vertreten. Infama Vinditta (Verräterische Rache“) beschreibt einen der zahlreichen und blutrünstigen Morde im Kampf der „Neuen“ gegen die „Alte Mafia“ in den Achtziger Jahren. Die Blutrache einer Frau an einem Mann, der sie nicht heiraten will, nachdem er sich mit ihr eingelassen hat, ist das Thema in Delittu d’Onuri („Rache aus Ehre“). Solche Aufnahmen weiblichen Gesangs sind sehr rar im Liederkosmos der Mafia. Hier übertrifft die bittere Hoffnungslosigkeit der Protagonistin die Intensität ähnlicher männlicher Interpretationen.
Das über 14minütige Stück Pani e Rispettu alli Travagghiaturi („Brot und Respekt für die Arbeiter“), gesungen und gespielt von dem berühmten Gassensänger Orazio Strano aus Catania, dokumentiert die sozialen Bedingungen der armen Bevölkerung Ostsiziliens nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Damals formierte sich die Mafia in Kalabrien hauptsächlich aus Bauern und Schäfern. Mit Liedern dieser Art griff die Mafia sogar in den Wahlkampf ein und unterstützte die kommunistische Partei. Diese versprach ihnen den Besitz eigenen Landes, um es zu bewirtschaften. Land, auf dem sie bis dato lediglich im Dienst von Großgrundbesitzern arbeiteten.
Das letzte Lied der CD zeigt das Ende der Gefühle in den Liedern der Mafia. In „Ammazzaru lu generali“ („Getötet ist der General“) wird das grausame Attentat auf den Polizeipräfekten von Palermo, General Carlo Alberto Dalla Chiesa, im Jahre 1982 vorgetragen. Bis zu seinem Tod war er nur drei Monate im Amt, um gegen die Mafia zu ermitteln. Deswegen wird er bis heute in Italien „Präfekt der 100 Tage“ genannt.
Die „Canzoni della ’Ndrangheta“ sind bei den Mafiosi sehr beliebt, da die Geschichten in den Liedern auch teilweise das Leben der heutigen „Ehrenmänner“ widerspiegeln. Einige hören gar ausschließlich diese Musik und sind leidenschaftliche Tarantella-Tänzer. In Kalabrien wird die so genannte „kommandierte Tarantella“ noch immer praktiziert. Der „Meister des Tanzes“ (heute die charismatischste Person des Ortes, früher der Mafiaboss) entscheidet allein, wann der Tanz eröffnet wird und bestimmt, wer mit wem tanzen darf. Diese Zeremonie betont den Respekt und stärkt die Kraft der lokalen sozialen Verhältnisse. Die Musik löst bei älteren Süditalienern immer auch Wehmut aus. In Erinnerungen vergangener Zeiten wird sicherlich einiges aus früheren Tagen romantisch verklärt. Für eine bestimmte Hörerschaft hat die Musik jedoch eine ganz andere Bedeutung: Manch jungem Mafiosi dient sie als eine Art „Aufputschmittel“, direkt gehört vor den verbrecherischen Taten. Das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.


